Erfahrungsbericht

Erfahrungsbericht von Dr. Michael Weber & Dr. Erich Feltes

Während unserer Einsatzzeit im Kibogora-Hospital wurden wir, Dr. Erich Feltes und Dr. Michael Weber, erschreckend oft mit einem furchtbaren Krankheitsbild bei Kindern konfrontiert, wie wir es aus unserer beruflichen Erfahrung aus Deutschland bisher nicht kannten, der chronischen, hämatogenen Osteomyelitis. Wir haben grauenvolle Bilder gesehen, wie zum Beispiel bei der 5jährigen Valentine, die mit einem nach außen durchspießten Unterarmknochen nach 6 Wochen in die Ambulanz des Kibogora-Hospitals kam.


Oder Daniel, dessen rechter Schienbeinknochen durch die Entzündung im mittleren Teil völlig „weggefressen“ war.

 

Die chronische Osteomyelitis ist eine chronische Entzündung der Knochen und führt, ohne adäquate Behandlung, zur Zerstörung des betroffenen Skelettabschnitts und zu schweren Behinderungen und wahrscheinlich auf Grund septischer Komplikationen zum Tod der Kinder. Die Kinder leiden unter starken Schmerzen und unter erheblichen Funktionsstörungen der betroffenen Extremität, bis hin zur Bewegungsunfähigkeit. Ein Leben unter diesen Bedingungen wird nicht nur für die Kinder, sondern auch für ihre Angehörigen zur Qual.

Da wir während unserer Aufenthalte in Ruanda keine Erwachsenen mit diesem Krankheitsbild gesehen haben, und da wir wissen, dass die chronische Osteomyelitis ohne adäquate Behandlung nicht spontan zur Ausheilung kommt, nehmen wir an, dass die betroffenen Kinder irgendwann an einer septischen Komplikation ihrer Krankheit sterben. Um diesen „Teufelskreis“ zu durchbrechen, ist es dringend erforderlich ein Behandlungskonzept zu entwickeln, in das alle ärztlichen und pflegerischen Teams einbezogen werden, und zwar die einheimischen ebenso wie die ausländischen Teams. Die konsequente Behandlung dieser schrecklichen Krankheit ist sehr aufwändig und langwierig und bedarf deshalb eines nachhaltigen Konzeptes, das alle Teams mit einbezieht, von allen akzeptiert und konsequent umgesetzt wird. Dass eine adäquate und konsequente Therapie erfolgreich sein kann, zeigt das Beispiel Gads, der erstmals von Prof. Griss und Dr. Feltes im August 2011 gesehen und behandelt wurde. Auch er zeigte eine durch die Entzündung zerstörte Tibia mit eitriger Fistelung.

Prof. Griss und Dr. Feltes entfernten radikal den Sequester der rechten Tibia und die Entzündung kam zur Ausheilung, allerdings unter einem erheblichen Knochenverlust, der eine Rekonstruktion des Schienbeins erforderlich machte.

Zufällig sahen wir Gad im Februar 2013 wieder. Die Osteomyelitis war ausgeheilt, das rechte Bein aber auf Grund der fehlenden Tibia völlig instabil. Ein normales Gehen somit nicht möglich. Gemeinsam mit Priv. Doz. Iris Schleicher, die uns damals begleitete, ersetzten wir die fehlende Tibia durch einen sog. „Fibula-pro-Tibia“ Transfer.

 
Als wir im September 2014 erneut im Kibogora-Hospital arbeiteten, erzählte man uns, dass Gad ganz normal und ohne Gehstöcke gehen könne. Auf unser Bitten hin, wurde er zu einer erneuten Untersuchung ins Krankenhaus einbestellt und wir konnten uns selbst davon überzeugen, dass die Operation erfolgreich verlaufen war. Gad hatte reizlose, entzündungsfreie Weichteile, keine Fistel, konnte frei und ohne Schmerzen gehen. Das Röntgenbild zeigte, dass die Fibula komplett anstelle der Tibia eingeheilt war. Auch die entnommen Fibula hatte sich zu unserer Überraschung fast vollständig neu gebildet.

Dieses Beispiel zeigt, dass eine erfolgreiche Therapie der chronischen Osteomyelitis möglich ist. Es zeigt aber auch, dass die Behandlung sehr komplex und schwierig und vor allem sehr langwierig ist. In diesem Fall ist alles gut gegangen, hing aber an vielen glücklichen Zufällen. Damit wir auch die vielen anderen Kinder adäquat behandeln können, bedarf es eines gut strukturierten Behandlungskonzeptes mit Einbeziehung aller Teams vor Ort.